Warum fiese Gerüchte über Flüchtlinge so schwer in den Griff zu kriegen sind

„Haste schon gehört?“  


"Die Öffentliche Sicherheit bei uns hat unter dem Zuzug nicht gelitten"  von links nach rechts: Polizeidirektor Rainer Gosebruch, Landrat Jochen Hagt, Kriminaloberrat Hans-Peter Sperber (in zivil) Leiter der Direktion Kriminalität der Kreispolizeibehörde.
"Die Öffentliche Sicherheit bei uns hat unter dem Zuzug nicht gelitten" von links nach rechts: Polizeidirektor Rainer Gosebruch, Landrat Jochen Hagt, Kriminaloberrat Hans-Peter Sperber (in zivil) Leiter der Direktion Kriminalität der Kreispolizeibehörde.

(von Sabine Jacobs)

Neulich habe ich sie wieder mal gehört, die Geschichte vom verdächtig arabisch anmutenden Finsterling, der sich angeblich an einem Nümbrechter Mädchen vergangen haben soll.  Die Story ist nicht neu. Seit Monaten wandert sie von Mund zu Mund, man hört sie beim Bäcker, im Supermarkt oder an der Bushaltestelle. Der Tatort variiert  bisweilen, mal ist es der Steinbruch, dann der Kurpark oder ein abgelegenes Industriegelände. Aber immer gibt es eine total zuverlässige  Quelle:  Zum Beispiel die Freundin des Bruders eines Bekannten einer Kollegin oder der Kollege einer Freundin des Neffen der Nachbarin...


Die Geschichte von der angeblichen Vergewaltigung im Steinbruch ist nur eine von vielen. Sie grassiert so oder ähnlich nicht nur in Nümbrecht sondern auch in Wiehl, Morsbach oder Gummersbach. Bemerkenswert nur, eine polizeiliche Anzeige dazu gibt es nicht.  Kein Wunder – denn dieser Fall existiert nicht.  „Trotzdem sind solche Gerüchte schwer in den Griff zu kriegen“, weiß Polizeioberkommissarin Monika Treutler von der Kreispolizeibehörde Oberberg. Sie kennt das Phänomen: 

Überregionale  Anschlägen befeuern Gerüchteküche 

Vor allem nach tatsächlichen Vorfällen wie dem Bombenanschlag in Paris oder der Silvesternacht von Köln nehmen die Gerüchte sprunghaft zu.  Sie kursieren im Internet und auf sozialen Foren. Da werden Fälle geschildert und Fotos gepostet von angeblichen Tätern. „Die Leute lesen solche Geschichten und beziehen die Delikte kurzerhand auf ihr persönliches Umfeld“, so Treutler. Dabei sind die kolportierten Fälle oft Jahre alt und stammen aus völlig anderen Gegenden. Oder sie sind völlig aus der Luft gegriffen.

 

Oberberg – einer der sichersten Landkreise in NRW

 

Trotzdem verursachen Gerüchte Aufregung und Verunsicherung,  auch in Oberberg. Dabei gibt es dazu gar keinen Grund, denn tatsächlich leben wir in einem der sichersten Landkreise NRWs. Das belegt die aktuelle polizeiliche Kriminalstatistik, die jetzt in Gummersbach vorgestellt wurde. 

 

Im Vergleich zu 2014 (13.470 Fälle) ist die Zahl sämtlicher Straftaten im Kreisgebiet auf 12.768 Fälle zurückgegangen.  Zwar ist jeder vierte Tatverdächtige mittlerweile nicht deutsch, jedoch stammen die meisten der 1284 nichtdeutschen Tatverdächtigen aus der Türkei, Nordafrika oder Südosteuropa. Die Zahl der von Asylbewerbern begangenen Straftaten ist mit der größeren Menge an Menschen, die seither ins Land kamen, von 2014 auf 2015 zwar ebenfalls angestiegen, (von 36 Straftaten im Jahr 2011 auf 266 im Jahr 2015) macht sich jedoch, gemessen an der Gesamtzahl immer noch verschwindend gering aus. Bezogen auf Nümbrecht bedeutet das beispielsweise ganz konkret: von insgesamt 339 ermittelten Tatverdächtigen waren gerade mal 17 Asylbewerber....

 Flüchtlingsdelikte – meist Rangeleien untereinander

Dabei lohnt es sich auch, die Delikte näher unter die 

 

 

„Einfach nicht alles glauben, was man hört oder liest und vor allem nicht gedankenlos weiterverbreiten“, meint Oberkommissarin Monika Treutler.


Lupe zu nehmen.

Rund ein Drittel der von Flüchtlingen begangenen Straftaten sind Ladendiebstähle, bei einem weiteren Drittel handelt es sich um Körperverletzungen, das letzte Drittel verteilt sich auf „Sonstige Straftaten“ von „leichter bis mittlerer Kriminalität“  wie Beleidigung oder Betrug (zum Beispiel Schwarzfahren). 

 

Müssen wir deshalb um unsere Sicherheit fürchten? 

 

„Nein, das müssen wir nicht“,  beruhigt Hans-Peter Sperber, Leiter der Kriminaldirektion der Kreispolizei Oberberg.  "Die Öffentliche Sicherheit im Oberbergischen Kreis hat unter dem Zuzug der Asylbewerber nicht gelitten.“ Denn eine genauere Analyse zeigt: die erfassten Vorfälle richteten sich fast ausschließlich gegen andere Flüchtlinge und fanden zumeist innerhalb der Notunterkünften statt, „was natürlich keine Entschuldigung sein soll“. Eine Erklärung gibt es aber schon:  „In den Unterkünften leben die Menschen auf engstem Raum, noch dazu aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen.  „Da bleiben Konflikte nicht aus“, so Sperber. „Das wäre bei uns nicht anders“. 

 

Gerüchtequelle - Internet

 

Dass es trotz der beruhigenden Zahlen immer wieder zu Angst und Hass-schürenden Gerüchten kommt, führen Experten vor allem auf das Internet zurück.  Soziale Foren und Netzwerke sind der wichtigste Nährboden für irreale Ängste. Hier tummeln sich auch diejenigen, die bewusst Stimmung machen wollen gegen Asylsuchende aus anderen Ländern.

 

Und wie kann man sich dagegen zur Wehr setzen?

 

„Einfach nicht alles glauben, was man hört oder liest und vor allem nicht gedankenlos weiterverbreiten“, sagt Polizeioberkommissarin Monika Treutler. „Ernsthafte Vorfälle von öffentlichem Interesse werden auch offiziell publik gemacht - auf den Webseiten der Polizei und in den lokalen Medien. Das sind immer noch die glaubwürdigsten Quellen, auch wenn Verschwörungstheoretiker und ihre Anhänger genau das nicht wahrhaben wollen.